Raumpatrouille – Produzent Thomas Krüger im Interview (Teil 1)

Thomas Krüger ist Regisseur und Hörspielproduzent. Bei seinem Label “Schall & Wahn” erscheinen Hörproduktionen zu Büchern von Stieg Larsson oder Terry Pratchett, aber er sorgt auch immer wieder für die Wiederveröffentlichung von Perlen aus den Archiven. Im November veröffentlicht er mit “Raumpatrouille” Hörspiele unter Verwendung der Tonspuren der berühmten Fernsehreihe “Raumpatrouille Orion” ergänzt um Erzähler Andreas Fröhlich. Für den Hörspiel-Blog hat er uns u. a. dazu Rede und Antwort gestanden – hier der erste Teil:
Du hast dir ja nicht nur einen Namen als Regisseur von Hörproduktionen gemacht, für mich bist du ja auch insbesondere der Held der Hörspielarchive. Schon mehrfach hast du ja einige Perlen aus den Rundfunkarchiven befreit. Woher kommt diese Leidenschaft und woher bekommst die Ideen für die Auswahl der zu “rettenden” Hörspiele?
Danke für das Lob! Wie gut, dass jetzt niemand meine rote Gesichtsfarbe sieht ;o)) Als Ein-Personen-Verlag ist es natürlich schwierig, all die Schätze zu heben, die man finden könnte, aber ich versuche es, in einem – wirtschaftlich – vertretbaren Rahmen. Die Ideen kommen übrigens sehr oft von Hörspielfans.
Den Simplicissimus hätte ich ohne Berthold Schirge, der die Archive der Sender kennt wie seine eigene Wohnung, nie gefunden! Wenn ich auf solch eine Sache gestoßen werde (oder sie selbst finde), erwacht was Missionarisches in mir. Sowas kann für andere ja nervig sein, aber dann denke ich manchmal: die Welt sollte davon wissen. Beim Simplicissimus habe ich gedacht (und denke es immer noch): das darf nicht wahr sein. Da entschlummert sanft aber unaufhaltsam eines der wichtigsten und witzigsten Bücher des Literaturkanons, und es gibt dieses heute fast vergessene historische Hörspiel mit einer Schauspieler- und Sprecherlegende wie Hans Clarin! Weshalb schieben die Sender sowas nicht in die Rohre ihrer Kanonen und feuern los? … Zumal der Simplicissimus als Hörspiel die Schwierigkeiten des Buches, dessen sehr alte Sprache heute tatsächlich kaum noch zugänglich ist, umschifft. Ludwig Cremer, der Regisseur, hat das damals, 1963, klug angelegt. Kurzum: ich suche nach Hörspielen, die man veröffentlichen sollte, weil sie gut und wichtig sind – sagt der Missionar. Der Kaufmann sagt: und ab und zu eine schöne Idee zu einer Sammlung von Kriminalhörspielen, die verkaufen dann in der Regel ganz gut und sichern das Auskommen. Muss ja auch sein.
Nachdem du zuletzt sechs Kriminalhörspiele für die Box “Geld oder Leben” zusammengestellt hast, ist dein nächstes Projekt doch schon ein deutlich anderes – Du hast O-Ton-Hörspiele zu berühmten Serie “Raumpatrouille Orion” erstellt. Wie kam es dazu?

Raumpatrouille Orion (Bild: Bavaria)
Die ORION surrt durch mein Leben, seit ich 10 bin. Ich konnte mich als vorpubertärer Junge nicht sattsehen an Science-Fiction. Und ich liebe das Genre noch immer. Bei der ORION kam dann aber bald der Punkt der – ich nenne es mal: Kult-Ernüchterung. 1966 in Deutschland produziert, hatte die Serie einige Jahre lang den Status einer tricktechnisch sehr fortschrittlichen Produktion. Schon bald aber kamen amerikanische Produktionen (man darf nicht vergessen, STAR WARS , als Film, der alle Sichtweisen komplett veränderte, erschien mit dem ersten veröffentlichten Teil bereits 10 Jahre später!) und haben die RAUMPATROUILLE mit ihrer Technik massiv in die Ecke des Belächelnswerten gedrückt. Die Filme konnten mit der neuen Situation insofern ganz gut umgehen, als für sie nun die „Ära des Bügeleisens“ und des „Staubsaugergebläse-Overkills“ begann. Die einzelnen TV-Folgen haben auch durchaus ein selbstironisches Potenzial, machen sich über Science Fiction lustig – und so konnte man, wenn man denn wollte, das Belächelnswerte nicht als Manko, sondern als Qualität sehen. Wie auch das manchmal sehr steife Agieren der Schauspieler: ein „Lichtsturm“ z.B. geht so: elektisches Britzeln im Sound, dann legt sich die Crew einmal synchron nach links, wieder nach rechts, bei starken Lichtstürmen wird das Ganze wiederholt – und die Gefahr ist gebannt. „Welche Ökonomie!“, möchte man ausrufen – aber Science-Fiction, die sich – auch – ernst nimmt, beraubt sich mit solchen Szenen der eigenen Glaubwürdigkeit. Rolf Zehetbauer (der legendäre Filmausstatter und Szenenbildner der BAVARIA) und der Regisseur Michael Braun haben dieses Manko der frühen Jahre erkannt. Ich weiß nicht, wer von beiden später gesagt hat: das Bügeleisen und die allzu simplen Frog-Raumschiffe täten ihm heute noch weh.
Bei mir jedenfalls kam irgendwann ein Moment, wo ich sprichwörtlich dachte: am besten die Augen zumachen – was dann unerwarteterweise den Effekt hatte, dass ich die von den Bilder völlig überlagerte Dialogsituation der Produktion erkannte. Fast alle von uns leben ja in Bildräumen, und wir richten uns zunächst immer sehr auf Bilder aus. Gibt es etwas neben den Bildern, das sich mitteilen könnte, behindern Bilder diese Möglichkeiten fast immer. Auch hier kann man übrigens wieder auf STAR WARS verweisen: Georg Lucas hat das ebenfalls erkannt und sofort dafür gesorgt, dass mit der Bildebene auch die Soundebene massiv angehoben wurde. Stichwort THX: das war keine unabhängige Idee (von Lucas oder dem Toningenieur Tomlinson Holman): es war eine absolute Notwendigkeit, um die Sci-Fi-Filme der neuen Machart nicht als virtuelle Stummfilme zu inszenieren.

Raumpatrouille (Schall & Wahn 2009)
Aber ich will nicht weiter abschweifen: im Gespräch mit Andreas Fröhlich kamen wir auf die ORION und die Möglichkeiten des reinen Tons. Diese alten Filme sind ja oft sehr dialoglastig, weil die Darstellungsmöglichkeiten der Tricktechnik etc. so beschränkt waren. Ich fand die Idee, aus den Tonspuren Hörspiele zu machen, reizvoll, schreckte aber davor zurück, das Nicht-Sichtbare in trockene Regieanweisungskommentare zu verpacken. Da sagte Andreas den entscheidenden Satz: „Du brauchst einen Erzähler, der eine Rolle spielt.“ Was er meinte: Der Erzähler in einem guten Hörpiel ist eine eigene Rolle, nicht bloß das verbindende Elemente zwischen den Dialogpassagen. Andreas hat mir – wenn man so will – die Augen also wieder geöffnet. Ja: und dann habe ich mir die DVDs gefühlte 700 Mal angeschaut, ob man tatsächlich eine solche Rolle in die Filme „hineinschreiben“ kann… Ich denke jetzt sogar: man muss!
O-Ton-Hörspiele sind zwar mitunter recht erfolgreich, qualitativ verpasst man jedoch in den seltensten Fällen wirklich etwas Spektakuläres, wenn man es nicht hören würde. Was ist an “deiner” Raumpatrouille anders bzw. was bringt das O-Ton Hörspiel, was die Fernsehfassung auf DVD nicht kann?
Ich gebe Dir recht: die meisten O-Ton-Hörpiele entstehen aus rein kommerziellen Gründen. Oft bieten sie die Tonspur des (grade erfolgreichen) Films (zu einem schon länger erfolgreichen Buch) mit kümmerlichen Kommentaren im Stil sachlich-trockener Regieanweisungen. Ich habe in der Antwort auf die vorangegangene Frage schon versucht, deutlich zu machen, was mich an der ORION-Verhörspielung so reizte. Wenn du die DVDs kaufst, bekommst du das Original. Das ist – natürlich – das ECHTE. Mit diesem Original wird es dir heute aber kaum noch gelingen, die Sogwirkung der Filme von 1966 (in meinem Fall war es etwa 1972) zu erzeugen. Du wirst die Spannung kaum noch spüren, die in der Serie, ihrer Idee, der Energie ihrer Darsteller liegt. Wenn du, wie ich, wieder staunen willst und Spannung und Abenteuer ohne Bügeleisen erleben willst (ich übertreibe jetzt ein bisschen) – dann müssen die Bilder weg. Du brauchst heute – auf der Grundlage des Materials von damals – einen Erzähler, der das erzeugt, was die Bilder einige Jahre lang konnten, heute aber nicht mehr. Die Hörspiele sind nicht einfach die DVDs ohne Bild. Es sind die (technisch nachbearbeiteten – der Sound der DVDs ist wegen der Koppelung von Bild und Ton manchmal schwächer) Tonspuren plus einem an je 100 bis 150 Stellen in das Material eingearbeiteten Erzähler. Zum Glück hatten wir die IT-Bänder, auf denen sämtliche Geräusche und Musiken ohne die Sprecherparts liegen, so dass der Erzähler tatsächlich in den Sound der Filme eingefügt werden konnte. Ich habe zu jeder Folge Text im Umfang von ca. 1/3 der schon vorhandenen Texte dazugeschrieben – und dennoch sind die Folgen kaum oder nur maximal je 10 Minuten länger geworden als die originalen TV-Folgen. Ich habe bei der Erstellung der Texte großes Glück gehabt, weil ich vorher Josef Hilger kennenlernte, der in der Nähe von Kerpen wohnt und ALLES über die Raumpatrouille weiß (bei Schwarzkopf & Schwarzkopf hat er vor einigen Jahren das wichtigste Buch zur Serie veröffentlicht) – Josef Hilger hat mir die originalen Drehbücher der Filme besorgt (die bei der Bavaria gar nicht mehr aufzufinden waren) – in diesen Drehbüchern habe ich das Vokabular der Serie gefunden. Josef Hilger hat mich auch davor bewahrt, mit den neuen Texten sozusagen gleich wieder „Bügeleisen-Ersatz“ zu schreiben und die Komik der Filme zu übertreiben (die Gefahr war ziemlich groß: fatale Nachwirkung der Bilder:o). Jetzt, nach Fertigstellung der Hörspiele, habe ich bei vielen Passagen wieder das Gefühl: da passiert was Spannendes! Wenn in Folge 1 etwa Hasso Sigbjörnson und Atan Shubashi in ihren Raumanzügen durch die Station auf MZ-4 schleichen, die von Frogs ermordete Besatzung vorfinden, und nicht wissen, was dort los ist, dann kann ich wieder – wie damals, als 10jähriger – mitfiebern. Ich sehe niemanden, der mit den Augen zwinkert (obwohl er tot sein sollte). Ich sehe nicht die karge Ästhetik der Raumstation, die mich an Stellwände aus dem Baumarkt erinnert. Ich höre Geräusche, die meinen Kopf in Bewegung setzen. Ich höre die grandiosen Schauspieler, die jeden Satz klar formulieren. Ich höre die göttliche Musik von Peter Thomas, höre plötzlich aufzischende HM-4-Waffen… Ich bin dabei und meine Phantasie arbeitet – und Andreas Fröhlich ist – insbesondere in seinen längeren Passagen – „mit an Bord“. Er ist Teil der Besatzung. Seine Art der Interpretation des Erzählers macht diesen tatsächlich zu einer ROLLE, einem Charakter, der mitfiebert, miträtselt, der mal sonor, mal aufgeregt das Tempo der Folgen bestimmt.
Na: ich glaube, ich muss jetzt wieder runterkommen und landen. Ich HOFFE, dass die Hörspiele dies alles erfüllen…
Das Interview werden wir weiterführen. Habt ihr Fragen an Thomas Krüger, die wir mit aufnehmen sollten? Schreibt uns einfach – per Mail, via Twitter oder in die Kommentare…
Tags: Andreas Fröhlich, Hörspiel, O-Ton, Raumpatrouille Orion, Schall & Wahn, Thomas Krüger, Veröffentlichung
Zuletzt aktualisiert am 12. März 2010





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