Ohrenkneifer in der Zange – Das Interview mit Dirk Hardegen
Das neue Label “Ohrenkneifer” veröffentlicht am 18. März 2010 das erste Hörspiel “Road to Hell”. Aus diesem Anlass haben wir Dirk Hardegen von “Ohrenkneifer” einige Fragen gestellt, die er uns umgehend beantwortet hat.
Lest also hier nun das Interview:
Hallo Dirk
Hallo Daniel, vielen Dank für das Interesse und die Plattform…

um es mal methaphorisch auszudrücken: willkommen im Haifischbecken der Kleinlabel.
Wann genau hat sich denn bei dir die Idee manifestiert, den Schritt zu wagen, ein eigenes Hörspiellabel zu gründen?
Vorweg: empfinde ich das Haifischbecken bisher gar nicht als solches. Ich hab – wirklich und ehrlich – ausnahmslos nette Kollegen kennen gelernt, die mich offen und bereitwillig in ihrem Kreise aufgenommen haben, mir bei Fragen und Rätselhaftem auf die Sprünge halfen oder mir ihre Taktiken und Praktiken erklärten.
Sicher gibt’s da auch jene anderen Leute, die die Ellbogen ausfahren – von zwei, drei hört man ab und zu – aber die können mich mal. Mit denen hab ich nichts und will ich auch gar nichts am Hut haben.
Mein Eindruck: die allermeisten Macher LIEBEN das Medium Hörspiel so sehr, dass sie sich über jeden weiteren Mitstreiter freuen, der diese Herzenssache befördert. Also kein Haifischbecken – eher ein wohltemperierter Whirlpool mit Kontakt-Anschluss.
Zumal: Ich bin ja von der Sprecher-Seite her in die kommerzielle Szene vorgestoßen und hatte schon bei ein paar Produzenten/Labeln mitgemacht und den einen oder anderen Kontakt gespannt. Fazit: die haben sich alle sehr für mich gefreut. – Der Entschluss, den Ohrenkneifer von der Kette zu lassen, fiel dann konkret Ende 2009, als die Produktion von „Road to Hell“ schon weit gediehen war und sich die Vermarktungsfrage stellte. Sprich: Hörspiel fast fertig – was nun damit tun?
Wie bist du denn auf den gleichermaßen außergewöhnlichen wie einprägsamen Namen “Ohrenkneifer” gekommen?
Von „Lausch“ über „Lauscher Lounge“, „Hörverlag“ oder „Audio Verlag“ von „Hörfabrik“ bis zu „Fear4Ears“ oder „Ohrkanus“: die Szene ist ja – naturgemäß – mit Anspielungen aufs Horchen und Hören gespickt. Der kleine Krabbler war namenstechnisch noch frei und also hab ich zugeschlagen. Mir gefällt das etwas gemeine Bild…. der Ohrenkneifer krabbelt und kriecht in den Gehörgang, um sich da fies einzunisten. Wenn mir das mit meinen Hörspielen halbwegs gelingt, tanz ich Samba auf dem Küchentisch.
Worum geht es in deinem ersten Hörspiel?
Der Held – Douglas Winterferry – ist keiner. Sitzt als Buchhalter in der US-Provinz, Job ist Mist, der Kollege nervt, daheim ist ihm die Ehefrau zu brav. Dass Doug aus diesem Alltagstrott ausbricht und dann auf die schiefe Bahn abdriftet, hat er seinem Boss zu verdanken, der ihm ein haarsträubendes Geständnis macht. Dies zwingt den guten Doug quasi in die Rolle des Desperados. Der Biedermann wird zum Brandstifter und alles endet in Dougs privater Hölle. Mehr sag ich nicht.
Was ist für dich das besondere an diesem Medium?
Ich will mal hier nicht über Hörspieltheorie a la „Klangräume“ und „innere Stimmen“ philosophieren, auch nicht über die große Freiheit, eine Geschichte im Hörspiel zu erzählen (weil es hier nicht diese doofen dramatischen Strickmuster gibt, wie für Hollywood-Spielfilme) , sondern einfach nur das nahe Liegende betonen. A) ich liebe geile Stimmen. B) als Hörspielhörer liebe ich die Chance, mir vom Geschehen im Spiel ein eigenes Bild, einen eigenen „Film“ vorm geistigen Auge zu formen. Ich hab mal gelesen, dass zum Beispiel ´Gewalt im Hörspiel´ von manchem viel intensiver wahrgenommen wird, als in der abgefilmten Version. Weil ein Hörer mitunter sein allerschlimmstes – erinnerbares – Bild zur Illustration einer gehörten Szene abruft – und nicht etwa die Mittelmaß-Bilder aus der gestrigen TV-Vorabendserie. C) Schau Dir mal den Abspann einer durchschnittlichen Filmproduktion an. Die Namensliste der Beteiligten – vom Stuntman No 17 bis zur Hair-Stylistin No 86 – hört manchmal gar nicht auf. Das ist das Geile am Hörspiel: da können die Granaten hageln, ohne dass man den Kudamm dafür 14 Tage absperren und anschließend generalsanieren muss. Es ist also auch die Machbarkeit in kleinem Team. Und es klappt. Ich hab ja angefangen mit echten ein-Mann-Produktionen, also: eine Stimme für alle Parts und es trotzdem mehrfach auf Sendeplätze bei den ehrwürdigen Öffentlich-Rechtlichen-Radio-Sendern geschafft.
Was war bei der Produktion die größte Herausforderung für dich?
Dranzubleiben. Nicht aufzugeben, auch wenn mal was nicht funzt oder der Rechner abschmiert. Und: Kritik zu akzeptieren. Nicht im eigenen Sumpf, in der eigenen Distanzlosigkeit, die ein Produzent nun mal zu seinem Baby hat, stecken zu bleiben.
Welche helfenden Hände haben denn bei deinem ersten LANG-Hörspiel mitgeholfen?
Drei Leute haben das Buch gegengelesen und erst Person vier hat am Schluss einen Flüchtigkeitsfehler aufgespürt – da gehts um vertauschte Waffen, das wäre schwer peinlich geworden. Und: Mein Freund Horst Kurth von der Hörfabrik gab viele Tipps und stellte Kontakte zu Sprechern her. Ansonsten: hat meine Frau geholfen, indem sie unendlich viele Stunden mich in meinem Studio einfach machen ließ und währenddessen auf mich verzichtete.
Du hast dich ja auch aktiv in Diskussionen rund ums Thema “Kleinlabel” beteiligt. Ist eine solche in deinen Augen denn überhaupt fruchtbar? Oder eher ein Vorwand einiger, um Stimmung zu machen?
Das Schlimmste, was uns Hörspielern passieren kann: wäre überhaupt NICHT wahrgenommen zu werden. Insofern ist jede Debatte, provokant und hitzig oder fies und stichelnd, einfach mal zu begrüßen. Weil es den Kessel unter Dampf hält und dieses Klischee vom intellektuellen Cordhosenträger, der abends einen Rotwein und dazu ein gutes Hörspiel genießt, in den Kopf schießt. Es zeigt auch: selbst die Leute, die nicht aktiv produzieren, sondern in erster Linie hören, sind mit unheimlicher Emotion und Anteilnahme am Thema. Und das ist unbezahlbar. Frag mal in der Musikindustrie rum – junge Musikhörer. Da findest Du nur noch selten soviel Zorn und aber auch solche Hingabe. Ich sage einfach: „Hörspiel saves“.
Vielleicht magst du deine Meinung zum Thema nochmals kurz zusammenfassen?
Mich nerven Kleinlabel per se natürlich nicht an, sonst müsste ich mir ja selbst ständig ins Gesicht schlagen, oder zwicken, wenn man beim Ohrenkneifer bleibt. Wenn mich ein Produkt abtörnt, kauf ich es gar nicht erst oder verbanne es aus meinem CD-Player. Ich krieg nur selten richtig Zorn – und das letzte Mal war´s bei keinem kleinen Label. Da gings um eine Lesung (5 CD) von einem mir sehr geschätzten Krimi-Autor und der Herr Schauspieler, der das Ding runter rotzte – verschenkte JEDE Pointe, schien betonungsmäßig NICHTS zu verstehen und ärgerte mich damit maßlos. Ich hab die Aufnahme nicht zu Ende gehört. DAS hat mich wütend gemacht – aber, wie gesagt: Major-Label.
Auf dem heutigen Hörspielmarkt Fuß zu fassen, ist ja nicht ganz so einfach. Welche Strategie verfolgst du, um das Hörspiel zu präsentieren?
Beim Produzieren habe ich manche Stellen so oft gehört, dass ich die Dialoge aller Beteiligter synchrongenau mitsprechen konnte – vielleicht also alles auf die Bühne bringen? Nein, quatsch, ist erstmal nicht geplant. Mein Wunschpartner pop.de geht mit „Road to Hell“ auf die Buchmesse Leipzig, da gibt’s auch ne Promo-CD mit den vielen anderen guten Neuveröffentlichungen bei pop.de. Am 14.03. machen wir bei den Hörspiel-Freunden ein ear:vent – und ich will mich auch in den großen Foren noch mal vorstellen. Mehr hab ich erstmal nicht angedacht, sondern werde schauen, wie sich die Resonanz entwickelt, welche Reaktionen reinkommen.
Du hast ja sicherlich schon in die Zukunft geplant. Darfst/kannst/magst du schon ein wenig was erzählen?
Ich schreibe gerade am nächsten Spielbuch, ein anderes Genre, eine Hommage an die Mutter aller Mystery-Serien „The Prisoner“. – Mit Horst Kurth brainstorme ich parallel ein Endzeit-Szenario, da sollten wir aber zu gegebener Zeit gemeinsam drüber Auskunft geben. Auf meiner Homepage www.ohrenkneifer.info werde ich demnächst ein paar alte Schinken zum freien Download aushängen, aus meiner „frühen“ Kurzhörspiel-Zeit. – Auf Halde liegen bereits fünf fertig produzierte Krimi-Kurzgeschichten von mehr oder minder bekannten US-Autoren, die ich unter anderem mit den Schauspielern/Sprechern Marco Sand und Tobias Diakow eingespielt habe. Da steht allerdings die Rechtefreigabe vom US-Verlag aus. Vielleicht gibt’s die nie, dann wars halt ne nette Fingerübung. Allen Beteiligten hats immerhin großen Spaß gemacht.
Anhand des Sprechercasts ist die Verbindung zum Hoerspielprojekt geradzu unübersehbar. Wie viel Hoerspielprojekt steckt denn in Ohrenkneifer tatsächlich?
Ich hab gerade noch mal durchgezählt: Du hast Recht, da sind einige Leute auch im hörspielprojekt aktiv/aktiv gewesen, teilweise hab ich die sogar dorthin gelotst. Grundsätzlich: Ich mag die Idee des Projekts sehr und die Leute dort sind auch alle sehr nett. Ich hab dort große Enthusiasten in Sachen Hörspiel gefunden und tolle Spieler – sind ja auch genug Leute dabei, die als Sprecher/Schauspieler ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich finde da eine ideale Bühne, um in noch mehr Rollen zu schlüpfen, mich also als Sprecher zu üben, aber auch andere Sprecher zu finden, die noch nicht durch X-Produktionen gegangen sind und nicht pro Hörspiel blind erstmal 400 Ocken verlangen, ohne sich auch nur einmal das Script angeschaut zu haben (so was gibt’s ja auch).
Nehmt ihr die Sprecher in einem Studio auf? Einzeln? Zusammen?
Die meisten sind separat entstanden, immer in Studiokulisse und auf Wunsch/bei Bedarf mit Telefonregie – ich hab auch darauf geachtet, dass der gleiche Mikrotypus eingesetzt wurde, um klangliche Versprünge so minimal wie möglich zu halten. Ich hab das Hörspiel mit einigen kritischen Musikkollegen gehört, die sagten mir dazu: Mission erfüllt.
Kommen Musik/Effekte von fertigen Soundlibraries oder habt ihr die selbst kreiiert?
Eine der ersten Herausforderungen für „Road to Hell“ war, meinen doofen Opel einmal rundum abzusamplen. Also: ermunterndes Tätscheln aufs Autodach. Klopfen gegen die Scheibe. Wütender Schlag aufs Lenkrad, bis dass der Schlüssel im Zündschloss tanzt, Rascheln der Sitze, etc. Solche Geräusche findet man eben nicht auf der noch-so-teuren Library. Aber von denen hab ich auch welche. Ganz so talibanisch wie mein Kumpel Sönke Strohkark von fear4Ears sehe ich das mit den Sounds nicht – er macht ALLES selbst.
Die Musik ist aber 100 Prozent selbst und handgemacht, beziehungsweise hand-eingespielt. Ich bin ja im Nebenhobby Gitarrero und Sänger (www.manykravitz.com) und die anderen Instrumente (Keyboards oder Drums) kann ich auch ein bisschen wirbeln. Gilt auch für die klassische Musik im Hörspiel, die hab ich über ein Synfonie-Programm am Keyboard Instrument für Instrument eingespielt.
Bist du selbst Hörspiel-Fan? Wenn ja: welche Produktionen gefallen dir am besten?
Ich liebe Hörspiel – Fernsehen interessiert mich dagegen immer weniger. Ich bin ein Big Fan von fetten Radioproduktionen, uralt oder brandneu ist mir so was von egal. Auf meiner ewigen Bestenliste sind nur Radioproduktionen: „Der Orientzyklus“ , „Die Pickwickier“, alle Hermann-Naber-Adaptionen von Raymond Chandler (gibt’s teilweise beim DAV), „Crazy Times“ nach C.D.Payne , Norbert-Schaeffer-Adaptionen von James Elroy und Charles Willeford.-Stoffen (wann kommen sie auf CD?!). Die ORF(!)-„Brenner“-Hörspiele nach Wolf-Haas. Manns „Der Zauberberg“. „Solaris“. „Stadt aus Glas“ von Paul Auster. „Das Gasthaus im Elsass“ nach Simenon … Und so viele könnte man noch nennen…
Gibt/gab es Vorbilder, an denen du dich orientierst?
Alle Hörspieler da draußen haben was geiles, was sich abzulauschen lohnt. Gebt Acht, ich spitz schon wieder die Ohren…
Welchen Sprecher willst du unbedingt mal noch in deinen Hörspielen dabei haben?
Immer die Richtigen, die zur Rolle Passenden, die tüchtig Bock auf Hörspiel haben und nicht bloß als abgerockte Routiniers irgendwas runterreißen, um sich noch n schnelles Zubrot untern Nagel zu reißen. Bisher hab ich da allergrößtes Glück gehabt.
Welchen Stellenwert siehst du in der Hörspielszene im Netz? Insbesondere für die kleineren Labels?
Ganz klar: es werden immer mehr kleine Labels kommen. Die Hörer werden entscheiden, wer überlebt. Wahrscheinlich bilden sich (Produktions-)Allianzen, ich wäre zu allen Schandtaten bereit – wenn die Chemie stimmt. Mit ein paar Leuten bin ich ohnehin schon eng verbandelt und in solchen Gesprächen. Gemeinsam sind wir stark. Zur Download-Thematik: ich persönlich bin Haptiker. Ich brauch ne schöne CD in meiner Hand und in meinem Schrank – und da komm ich auch nicht mehr von runter.
Gibt es etwas, das du den Lesern/Hörern an dieser Stelle gerne noch sagen möchtest?
Macht nichts, was ich nicht auch tun würde. Putzt Euch immer schön die Zähne und wechselt hin und wieder die Socken. Kauft „Road to Hell“ (bitte nicht einfach nur brennen, mein Herz würde bluten). Habt Spaß damit.
Euer Ohrenkneifi
Tags: Dirk Hardegen, Interview, Ohrenkneifer
Zuletzt aktualisiert am 4. März 2010




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